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Extrema und Hass im Internet

Livi - 12. September 2018   \\\   Licht aus:

Manchmal frage ich mich, ob ein Großteil der Menschheit verlernt hat zu argumentieren und zu diskutieren oder ob es einfach noch nie viele waren, die dies beherrschten.

Es benötigt keine fünf Minuten um auf einer Social-Media Seite eigener Wahl Hassrede, Hetze und Falschauslegung zu sehen. Egal ob es sich um einen Suizid, die aktuelle Politik oder einfach nur "Web-Video-Produzent XY hat mich blockiert" handelt. Entweder der Täter versucht sich als Opfer und das Opfer als Täter darzustellen oder es werden Fakten verdreht, angepasst, falsch zitiert oder einfach ganz auf Fakt und Wahrheit bzw. jegliche Form der Argumentation verzichtet.

Beispiel: Rechtsextreme Nationalsozialisten verbreiten Hetze und fordern zur Selbstjustiz auf, Linksextreme reden im ersten Satz davon, dass das absolut verwerflich ist und was dagegen getan werden solle, im zweiten fordern sie selbst zur Selbstjustiz, man solle Nazis einfach schlagen, ohne scheinbar überhaupt zu realisieren, dass sie dabei sowohl selbst Hass schüren, als auch aktiv dazu auffordern, das zu tun, wogegen sie doch eigentlich sind.

Eigentlich ist es doch gar nicht mehr verwunderlich, warum Leute seltener dazu bereit sind, in Diskurs zu treten, wenn die andere Seite doch anstatt zuzuhören, direkt zu den Waffen greift. Nur, dass beide Seiten genau nach dieser Devise leben.

Sobald das eine Extrem existiert, existiert auch das andere, es kommt automatisch zum Kampf1 der Extrema. Es ist selten wirklich ersichtlich, welche Seite zu erst auftrat und in Fällen, in denen es ersichtlich ist, sieht es häufig so aus, als wäre das eine Extrem schon viel früher aufgetreten als das andere, dabei sind es häufig weitaus kürzere Zeitdifferenzen, denn die Gegenextrema bilden sich nahezu direkt nach der Publifizierung der Entstehung der Erstextrema, zu diesem Zeitpunkt sind die Gegenextrema allerdings noch nicht gruppiert, weshalb die Zeitdifferenz so lang wirkt, sie müssen erst an Verbindung und Reichweite gewinnen, was durch die Vernetzung des Internets immer einfacher geht.

In diesem Fall lässt sich das Prinzip, welches bereits Marx und Engels erkannt haben, anwenden, welches sich in ihrer Auffassung zwar auf Unterdrücker und Unterdrückte bezieht, sich aber genauso gut auf zwei beliebige andere Extrema beziehen lässt. Nach ihnen bedeutet die reine Existenz den Kampf zwischen beiden1.

Es gibt keinen logischen Grund, warum Menschen dazu tendieren, auf Argumentation, Diskurs und Diplomatie zu verzichten, sie tun es einfach. Das taten sie schon immer. Aber ob sich daran was ändern kann, steht in den Sternen. Es wird immer Leute geben, die sich den friedlichen Wegen wiedersetzen, das wird immer so sein, aber zu versuchen, Leuten zu zeigen, dass wir Menschen argumentativ, friedlich und diplomatisch über Themen reden können; dass wir nicht nur in die Masse brüllen, sondern ihr auch zuhören können; dass wir bereit sind, wenn die Gegenseite es auch ist; dass wir nicht diskutieren um zu "gewinnen" oder um die anderen zu überzeugen, sondern um Denkanstöße zu geben und welche zu bekommen; um in Erwägung zu ziehen, ob nicht die Möglichkeit besteht, doch - auch wenn nur in Teilen - falsch zu liegen. Und auch wenn es noch ein lange Weg ist bis dahin, lasst ihn uns beschreiten.

Salü.


1 Begriffsbedeutung nach Marx und Engels; Kontext abgeändert - "Manifest der Kommunistischen Partei", Karl Marx & Friedrich Engels, 1848